US-Wahl: Warum es in Mexiko heute keinen interessiert
Es ist verwunderlicherweise Weise nicht der Name Obama, der heute die Titelseiten der mexikanischen Seiten dominiert. Nein. In vielen Fällen schafft es die US-Wahl noch nicht einmal überhaupt auf Seite 1. Das verwundert, ganz klar, sind die USA doch der direkte (zugleich angebetete und gehasste) Nachbar im Norden des Landes. Und man sollte meinen, dass auch für Mexiko die Entscheidung zwischen Obama und McCain interessant und wichtig sein dürften, teilen doch beide Länder eine heterogene Beziehung zueinander: Gemeinsame Bekämpfung der Drogenkartelle und des Schmuggels, verschiedene Positionen in der Migrationspolitik und immer wieder Ärger mit illegalen Grenzübertritten von Mexiko in die USA.
Aber Obama wurde verdrängt. Und das hat einen Grund. Die Titelseiten werden von einem anderen Namen beherrscht: Juan Camilo Muriño. Muriño, seines Zeichens bis gestern Vizepräsident Mexikos, Innenminister und enger Freund von Präsident Felipe Calderón kam am Abend beim Absturz eines Regierungsjets ums Leben. 18:40 Uhr schwebte die Maschine über Mexiko City ein und stürzte aus bisher ungeklärten Ursachen auf eine der Hauptverkehrsadern in der Nähe von Bosque Chapultepec. Autos gingen in Flammen auf, Explosionen krachten durch die Straßenfluchten der Banktower und Bürogebäude und Menschen versuchten sich auf dem belebten Boulevard, auf dem ich selbst am Freitag noch entlangspazierte, in Sicherheit zu bringen. 8 Menschen verloren ihr Leben, darunter Innenminister und Vizepräsident Muriño und der Chef der Bekämpfung organisierter Kriminalität, Santiago Vasconcelos.
(Video: El Universal über den Flugzeugabsturz in D.F.)
Die Strasse glich danach einem Schlachtfeld und 40 Personen mussten mit zum Teil schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Felipe Calderón sprach in einer Rede davon, dass México einen großen Mann, und er einen seiner engsten Freunde und vertrautesten Mitarbeiter verloren hätte.
Mouriño, der sich in der Bekämpfung des Narcotráficos (Drogenkriminalität) engagierte, hatte zuvor immer wieder Morddrohungen bekommen und musste erst vor zwei Wochen mit seiner gesamten Familie das Zuhause wechseln – an einen unbekannten Ort, schwer bewacht von Personenschützern und Militär. Da wird klar, dass die Spekualtionen, der Flugzeugabsturz sei ein Attentat gewesen, nicht von Ungefähr kommen. Momentan deutet allerdings alles noch auf einen Unfall hin, die Regierung will das Unglück aber sehr gnau unter die Lupe nehmen.
Nach einem solchen Absturz eines Flugzeuges auf eine stark befahrene Strasse mitten in D.F., zur Rush-Hour und dazu noch mit zwei ranghohen Politikern an Bord, muss sich die US-Wahl in Mexiko mit einer Nebenrolle begnügen. Gestern noch sprach La Jornada von “EU: Hora cero” (USA: Stunde null) und maß der Wahl damit eine große historische Bedeutung zu. Heute fällt die Berichterstattung eher dünn aus. Nicht ein einziger Kommentar in der genannten Zeitung beschäftigt sich mit Obama, nur ein einziger, kurzer mit einer Nachlese der Ära Bush. Stattdessen wird auf Seiten das Unglück von DF auseinandergenommen, komplette Namen einzelner Verletzter aufgeführt, Spekulationen verbreitet und Hintergründe zu den getöteten Politikern referiert. Erst auf Seite 36 (!), abgesehen von einigen Karrikaturen auf Seiten davor, findet die US-Wahl einen ersten Platz: Felipe Calderón gratuliert Obama und lädt ihn nach Mexiko ein, heißt es da nüchtern. Auf weiteren vier Seiten wird die Wahlnacht reportiert und Schluss. Vor dem Hintergrund des Flugzeugabsturzes mag das kaum verwundern. Denoch wunderte es mich, aber andererseits auch wieder nicht. Denn, hatten doch die Zeitungen den Wahlkampf mehr oder weniger begleitet, schien das Interesse an der US-Wahl in der Bevölkerung eher gering.
Medienrezeption in Mexiko
Noch vor einigen Monaten wussten Mitstudenten nichts mit den Namen Obama und McCain anzufangen, und auch heute erntete ich in der Uni im Gespräch mit einigen Komilitonen, die ich auf Obama ansprach, nur ein Schulterzucken. Das politische Interesse und jenes an Nachrichten unter den meisten Studenten ist streckenweise erschreckend gering. Zeitung liest hier kaum jemand (Mexikos Zeitungen sind die am wenigsten gelesenen Zeitungen der Welt) und im Fernsehen regiert die Unterhaltung. Musikshows, Telenovelas, Trickfilme – Nachrichten und Reportagen auf mexikanischen Kanälen muss man suchen. Und so blieb auch nur CNN Español der einzige Sender mit einer durchgängigen Berichterstattung zur US-Wahl. Allerdings mit wahrscheinlich geringer Einschaltquote. Denn das Fernsehen läuft zwar in jedem mexikanischen Haushalt, kein kleiner Verkaufsstand auf dem Markt, der nicht einen Fernseher dahinter hat, aber die Mexikaner schauen sich dumm. Was der amerikanische Medienkritiker Neil Postman bereits in seinem Buch “Wir amüsieren uns zu Tode” 1985 für die us-amerikanische Medienwelt konstatierte, trifft in Mexiko um so mehr zu. Zwei große TV-Sender berieseln das Volk mit unzähligen tränenreichen Serien, reißerisch aufgemachter Sensationsberichterstattung und Werbung für Dünnmacher und Fitnessgeräten. Bei allem politischen Einfluss, der auf die mexikanischen Medien und insbesondere TV-Stationen recht groß ist, wird das Volk bewußt dumm gehalten und für dumm verkauft. Das Schlimme daran: Es stört keinen so recht. Und die Folgen sind in Mexiko spürbar. Dass die Namen von Obama und McCain hier vielen kein Begriff waren, ist nur ein Indiz dafür. Europäische Staatschefs kennt erst recht keiner. „Fernseher wurden nicht für Idioten erschaffen – es erzeugt sie“, sagte Neil Postman einmal. Und das scheint zum Teil in Mexiko gewollt. Denn ein Volk von Idioten lässt sich auch angenehmer regieren, als ein Volk das denkt und mitentscheidet. Und obendrein lässt sich ein Volk, dem das nötige (politische) Hintergrundwissen verweigert wird, von Phrasendrescherei und leeren Versprechungen schneller überzeugen.
Weiterführende Links zu zwei spannenden Dokus über Politk und Medien in Mexiko (spanisch):
- Teletirania: La Teledictatura – ein Film über das Fernsehen in Mexiko
- Los dueños de la democracia – ein Film über die Demokratie in Mexiko
Weiterführender Link zu einer Arbeit über die Rolle der Medien in einer repräsentativen Demokratie:
- Demokratie und Medien – über die Rolle der Medien in einer repräsentativen Demokratie am Beispiel der BRD (Hausarbeit von mir aus dem Wintersemester 06/07)
6. November 2008 um 09:08
Hey Jakob, Danke – das war äußerst interessant. Viele Grüße aus Deutschland (hierzulande könnte man meinen, die Deutschen höchstselbst hätten per Volksentscheid König Obama intronisiert…
)
6. November 2008 um 22:42
Das Deutschland feiert habe ich mir schon fast gedacht. Im SZ Magazin ist übrigens ein netter Kommentar zu den Reaktionen in Deutschland zu finden:
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/26969
Was Mexiko angeht, so bleibt es beim bereits referierten Desinteresse an der Politik beim großen Nachbarn.
Beste Grüße zurück nach LE!
8. November 2008 um 16:22
Hey Jakob,
hast dir die Filme also doch noch angeschaut? Großartig.
Ich bin hier auch schön am Filmchen zeigen. Wird aber auch schon von andern gemacht (siehe: http://www.kts-freiburg.org/spip/rubrique.php3?id_rubrique=1#832)
Medien in Mexiko sind ein sehr sehr spannendes Thema. Gegenöffentlichkeiten werden in Mexiko aber auch geschaffen.
Indymedia Mexiko ist das Indymedia Portal mit den meisten aufrufen Weltweit! (http://mexico.indymedia.org/)
Keep up your good work!
Fabian
20. November 2008 um 19:12
[...] zum Flugzeugabsturz habe ich bereits hier und hier geschrieben. Und zu den Narcos findest Du hier einen weiteren Artikel von [...]
26. November 2008 um 08:43
[...] Student, der derzeit in Mexiko studiert, die Rolle der Medien in Mexiko am aktuellen Beispiel der U.S. Wahl [...]