+++ 3 verdachtsfälle in puebla +++ 152 grippetote in mexiko +++ mundschütze weiter mangelware +++ zeitungen überbieten sich mit paniküberschriften +++ erste verschwörungstheorien über virus +++
Die Vögel zwitschern auf dem Bäumchen vor meinem Fenster, die Sonne strahlt und der Tag könnte kaum schöner sein. Eine Freude, dass wir nicht in die Uni müssen, könnte man meinen. Aber wie schaut es wirklich aus, was sind die Nachrichten hier bei uns?
Gestern nachmittag, nachdem alle irgendwie wieder in die WG zurückgekommen waren, konnte man ein Meisterstück darüber erleben, wie man sich in einer Zehn-Mann-WG am besten gegenseitig verrückt macht. Alle hatten irgendwie Halsschmerzen, einen leichten Husten oder sonst irgendwas, was sofort den Gedanken „Schweinegrippe!“ aufkommen ließ. Pedro, mein Mitbewohner, hat seit 4 oder 5 Wochen bereits einen furchtbaren Husten und beschallt damit die gesamte Nachbarschaft, wenn er auf unserem Pasillo von seinem Zimmer in die Küche wechselt. Und Norma, seine mexikanische Freundin fühlte sich auch nicht besonders. Mein eigenes Kratzen im Hals schob ich noch auf die Geburtstagsparty von Enora, die von Samstag bis weit in den Sonntagmorgen hineinging, in einer kleinen Wohnung war und in der zudem mindestens 20 Leute rauchten. Und das nicht zu knapp. Und auf dieser Party hatten wir uns alle getummelt – beste Voraussetzungen also, um sich zwei Tage später angesichts rötlicher Hälse, Müdigkeit und Hustenchen in Grippeunruhe zu versetzen.
Norma ging dann schließlich heute auch zum Arzt, der sie beruhigt nach Hause schickte – ein Halskasper, mehr hat sie nicht. Kein H1N1, keine mexikanische, keine Schweine, nein, überhaupt gar keine Grippe! Und was Pedros Husten ist – wer weiß – grunzend läuft er jedenfalls noch nicht durch den Pasillo.
In Puebla gehört der Mundschutz aber jetzt zunehmend zum Straßenbild. Offiziell gibt es im gesamten Bundesstaat Puebla 3 Verdachtsfälle auf Schweine- oder Mexikanische Grippe – bestätigt allerdings ist noch keiner. In Mexico City ist dagegen die Zahl der Grippe(!)-Toten (nicht Schweinegrippe-Toten) auf 152 gestiegen – bei lediglich 25 ist man sich sicher, dass es der neuartige Virus war.
Unterdessen greifen die mexikanische Regierung und die jeweiligen Bundesstaaten zu weiteren Maßnahmen, um die Verbreitung so gut wie möglich einzudämmen. In Mexico Stadt sollten heute sämtliche Restaurants und Lebensmittelverkäufer nur noch „Zum Mitnehmen“ ausgeben – eine Zeitung berichtet allerdings, dass im Zentrum sich das nicht bemerkbar gemacht hätte, und die Restaurants den ganz normalen Betrieb beibehalten hätten. Eine aktuelle Meldung sagt aber, dass die mexikanischen Restaurantketten Toks, Vips und Portón darüber eingekommen wären, ihre Restaurants im Haupstadtdistrikt (DF) zu schließen.
Auch was die Mitarbeiter der öffentlichen Verkehrsmittel angeht, so sind Taxi- und Busfahrer inzwischen verpflichtet, Handschuhe und die blauen Cubrebocas (Mundschutz) zu tragen. Sollten sie der Aufforderung nicht nachkommen, so droht die Regierung, würden die Fahrzeuge beschlagnahmt und aus dem Verkehr gezogen werden.
In Puebla bleiben solche Maßnahmen weitgehend freiwillig, außer dem Schließen von Kindergärten, Schulen, Universitäten und Museen sind bislang hier keine weiteren Maßnahmen ergriffen oder erlassen worden. Die Stadt fühlt sich an, wie an einem Samstag, das ist die einzige Veränderung, die derzeit zu erleben ist – ein Samstag – nur eben mitten in der Woche.
Als ich heute nach dem Frühstück meine Runde drehte, um zu schauen, wie sich die Situation „draußen“ bemerkbar macht, hatte ich das Gefühl, die Stadt hat ihren Lebensrhytmus deutlich verlangsamt. Nur wenige Autos sind auf den Straßen unterwegs, viele Menschen sind mit dem blauen Mundschutz ausgerüstet – aber von einer ausgestorbenen Stadt kann man nicht reden. Vereinzelt tragen Microbus- und Taxifahrer die blauen Mundschütze, aber längst nicht alle. Vor allem bei Verkäufern und Polizisten sieht man die Cubrebocas – man gewöhnt sich an das Leben mit dem Mundschutz.
Viele, die keine Cubrebocas haben, müssen auch weiter darauf warten, dass die Apotheken neue Lieferungen bekommen. Auf meinem Spaziergang durch Puebla hatte keine einzige Farmacia die begehrten blauen Masken im Angebot – im Gegenteil: häufig wiesen direkt Schilder daraufhin, dass man über keine Atemmasken mehr verfüge. Mein persönlicher Atemmaskenhändler um die Ecke meinte, er bekäme morgen neue Lieferung. Mal sehen, ob die nicht unterwegs vom Laster fallen. Wäre nicht das erste Mal in diesen Tagen.
Die meisten öffentlichen Einrichtungen, Museen und auch die Kathedrale bleiben heute weiter geschlossen – ein Hinweis macht Besucher meist auf den Staatserlaß aufmerksam. Vor meiner Uni hatte man inzwischen einen mikrigen Stand aufgebaut, der mit der Aufschrift „Para estar tranquilos“ – „Um ruhig zu bleiben!“ über Maßnahmen aufklärte, wie man sich gegen die Grippe schützen könnte. Flyer mit Händewaschtipps und der Telefonnummer des Uni-Klinikums gab es, mehr nicht. Andererseits: immerhin.
Unterdessen geht unser Leben in unserer Wg in Puebla eher ferienmäßig weiter. Langes Ausschlafen, ausgiebiges Frühstücken und ab und zu ein Plausch auf dem Pasillo, ob man denn schon Husten oder Fieber hätte. Aber nein, es geht uns allen gut und wir denken und hoffen, dass das auch so bleibt. Panik herrscht lediglich in den Zeitungen, dort überschlagen sich die Blätter, wer die dramatischere Aufmachung hinbekommt. Nur wenige versuchen beruhigend zu wirken.
Ich selbst genieße meinem freien Tag bei frischen Erdbeeren und Melone momentan noch vor meinem Rechner, später werd
e ich mich aber auf die grippefreie Terasse in die Sonne legen und ein wenig lesen und die Seele baumeln lassen. Denn dafür eignen sich diese Tage doch bestens. Viel mehr kann man sowieso nicht tun.
Die Schweinegrippe hat nebenher noch zwei weitere Effekte. Das Interesse an meinem Blog ist exorbitant gestiegen – ich habe seit gestern bereits so viele Besucher verzeichnet, wie ich sonst manchmal nicht in sieben Tagen generieren kann – always look at the bright side…
Der zweite, eher witzige, Effekt, das sind Verschwöru
ngstheorien, die ja zu einer Grippewelle dieser Art doch irgendwie dazugehören. Und? Wer solls gewesen sein? Na? Richtig! Der Ami! Ein Internetseite aus den vereinigten Staate will inzwischen den Verantwortlichen für die Grippewelle in Mexiko ausgemacht haben, und das sollen natürlich keine geringeren sein, als die geheimen Biolabore der US-Armee. Und warum das Ganze? Na klar – um von dem ganzen Foltergeschwätz und wie-bestrafen-wir-denn-jetzt-wen in den USA abzulenken! Nicht überzeugt? Diese Seite schon.
Wie de
m auch sei, ich persönlich hoffe, dass die Maßnahmen, Schulen, Kindergärten und Unis zu schließen, in wenigen Tagen Wirkung zeigen werden und die Zunahme der Verdachtsfälle zum Stillstand kommt. Dass die gesamte Geschichte „Mexikanische Grippe 2009″ allerdings bis nächsten Mittwoch gegessen ist, und wir ab Donnerstag wieder in die Uni gehen – daran hege ich wahre Zweifel. Soweit für den Moment.
Quellen: El Universal, El Sol de Puebla, El Proceso, dpa, afp, eigene Beobachtungen
Bilder: Jakob Müller, alle Rechte vorbehalten.
PS: Auf ein Wort noch, Herr Buhrow von den Tagesthemen: Die von gestern waren ja grauselich schlecht. Das Thema Grippe in Mexiko ist sicherlich wert, auf die Eins gehoben zu werden, aber muss man wirklich drei verschiedene „Experten“ dazu befragen, welche denn nun die Symptome sind? Der Zuschauer ist sicher dumm – aber soooo dumm, dass er drei Mal die gleichen Antworten binnen 7 Minuten benötigt?! Na also. Achja, und aufpassen, dass Euch der Themenkaugummi nicht reißt, beim wilden in-die-Länge-ziehen. Gute Besserung, liebe Tagesthemen.